Wochenbrief 9

«Zum Betenden macht man sich nicht, zum Betenden wird man»

Wochenbrief 9

«Zum Betenden macht man sich nicht, zum Betenden wird man»

Sil­via Magnin – Vater unser im Him­mel

Lie­be Freun­din­nen und Freun­de,

Wer betet, sieht wei­ter:
das gilt nicht zuletzt von vie­len Men­schen in Geschich­te und Gegen­wart, die sich poli­ti­schen Unrechts­sys­te­men in den Weg stell(t)en. Die ver­stan­den haben, dass die Welt der Ort ist, an dem Gott igno­riert wer­den kann, aber nicht igno­riert wer­den muss  und an dem des­halb anders gelebt wer­den kann und soll, als Men­schen es immer wie­der tun.

Wer betet, sieht tie­fer:
Wie kommt das? Was genau tun wir, wenn wir beten, und was soll­ten wir bes­ser las­sen? Jesus beant­wor­tet die­se Fra­gen in der Berg­pre­digt nicht gera­de freund­lich, dafür aber umso ein­deu­ti­ger (Mat­thä­us 6,7–8):
Wenn ihr betet, so quas­selt nicht wie die Hei­den; sie mei­nen näm­lich, durch ihren Rede­schwall erhört zu wer­den. Macht euch also nicht ihnen gleich, denn euer Vater weiss, was ihr nötig habt, bevor ihr bit­tet.

Was damit in der Tie­fe gemeint ist, ist nicht etwa, dass Bit­ten um Hil­fe und Erhö­rung Gott gegen­über unan­ge­mes­sen wären, son­dern viel­mehr: dass es gar nicht nötig ist, uns beim Ewi­gen in Erin­ne­rung zu brin­gen und auf uns auf­merk­sam zu machen, weil wir bereits jeder­zeit und aller­or­ten vor Ihm und Ihm gegen­über leben. Im Beten öff­nen wir uns in die Gegen­wart des Schöp­fers, der um das Erge­hen sei­ner Geschöp­fe weiss und ihre Erlö­sung will. Mit all unse­rem Wün­schen und Seh­nen, auch mit allem, was uns in uns selbst ein­zu­schlies­sen droht, sind wir längst umfan­gen von Ihm  und von Sei­nem Wün­schen und Seh­nen, uns aus allem Krei­sen um uns selbst zu befrei­en.

Wer betet, rich­tet sich auf Got­tes Gegen­wart aus:
Vie­le von uns haben schon als Kin­der gelernt zu beten. Seit­her haben wir vor dem Ein­schla­fen unse­re Dank­bar­keit für einen glück­li­chen Tag for­mu­liert, in Nöten um Hil­fe gefleht und um Kraft gebe­ten für Auf­ga­ben, vor denen uns ban­ge war. Wir haben viel­leicht auch um schö­nes Wet­ter oder die Erfül­lung sehn­süch­ti­ger Her­zens­wün­sche gebe­tet – und haben dabei, gera­de wo unse­re Wün­sche uner­füllt und das Leben wider­wär­tig blieb, erfah­ren: Beten stellt uns in einen grös­se­ren Zusam­men­hang, es schärft unser Bewusst­sein für die eige­nen Begrenzt­hei­ten und gibt uns das schüt­zen­de Gefühl, in einem umfas­sen­den Lebens­ho­ri­zont gebor­gen zu sein.

Wer betet, sieht in einem ande­ren Licht:
Indes­sen blieb Beten so für die meis­ten unter uns etwas ganz Per­sön­li­ches und Pri­va­tes, das sich dann wei­ter ent­fal­tet, wenn wir erwach­sen wer­den. Ein Bei­spiel: Zu den ver­trau­tes­ten Bil­dern, die man auch Kin­dern als Gebets­hil­fe wei­ter­ge­ben kann, gehört der 23. Psalm: Du, Gott, bist mein Hir­te… — Vie­le Eltern oder Kate­che­tin­nen erzäh­len ihren Kin­dern dazu auch Hir­ten­ge­schich­ten, wie Jesus sie erzählt haben mag, um zu ver­deut­li­chen, wie Gott kei­nes sei­ner Lebe­we­sen ver­gisst und im Stich lässt. Wun­der­bar, was damit in Kin­dern an Ver­trau­en gestärkt wer­den kann: Es ist gut, dass Du da bist!

Frei­lich, auf der Stu­fe des Her­an­wach­sen­den lässt man sich nicht mehr so gern mit einem Schäf­chen iden­ti­fi­zie­ren. Da müss­te nun die ande­re Sei­te des Betens zugäng­lich gemacht wer­den: die öffent­li­che! Der Hir­te sei­ner Scha­fe kommt im hebräi­schen Urtext die­ses Psalms gar nicht nur lie­be­voll trös­tend vor. Er hat durch­aus die Züge eines zum Kampf und Wider­stand berei­ten Beschüt­zers: Du bist bei mir, dein Schlag­stock und dein Hir­ten­stab geben mir Zuver­sicht…(Vers 4). Stel­len wir uns dazu vor, dass die­je­ni­gen, die so beten, ursprüng­lich Men­schen in höchs­ter Not und Bedro­hung waren, dann wird deut­lich, dass es hier gera­de nicht um das Schla­fen in Ruhe und Frie­den geht, son­dern um die Ermu­ti­gung zum Wider­stand: Du deckst mir den Tisch unter den Augen mei­ner Bedrän­ger (Vers 5) ‑3 und um die Gewiss­heit, dass Gott kei­ne Unter­drü­ckung von Men­schen durch Mäch­te will.

So könn­te ein sol­ches Gebet mit uns zusam­men wei­ter­wach­sen und uns hel­fen, uns als Erwach­se­ne mit­ein­an­der zu ver­bin­den für ein Leben in Frei­heit und Wür­de für alle Men­schen.

Wer betet, nimmt wahr, dass das Leben und die­se Welt kei­ne her­ren­lo­sen Güter sind:
Die Fra­ge ist, wer der «Herr» unse­res Lebens sein kann. Damit wir nicht selbst in die Irre gehen, noch die Welt zufäl­li­gen Mäch­ten über­las­sen, damit die Schöp­fung Got­tes nicht durch unacht­sa­mes Han­deln und respekt­lo­se Gleich­gül­tig­keit ins Cha­os zurück­ge­stos­sen wird, dafür brau­chen wir das Beten im Geist Jesu: Dein Wil­le gesche­he.

Beten braucht Kon­zen­tra­ti­on:
Frei­lich kann man das nicht von Natur aus. Wir müs­sen es ler­nen und es lebens­lang ein­üben. Viel­leicht sind Nicht­be­ten­de manch­mal der Ansicht, Beten sei ein Hob­by, dem man bei Gele­gen­heit auch nach­ge­hen kön­ne. Wer dar­in aller­dings die Mit­te des eige­nen Lebens erfährt, weiss, dass es dazu Kon­zen­tra­ti­on und Hin­ga­be braucht — und zum All­täg­li­chen gehört.

Beten ist «ein Reden des Her­zens mit Gott»:
Unser Leben als Gabe jenes DU zu erken­nen, dem wir unser ICH ver­dan­ken, und unser ICH als Zwei­tes gegen­über dem DU Got­tes, der der Ers­te und Anfang all des­sen ist, was uns umgibt – dar­um geht es zuerst und zuletzt. Im Beten las­sen wir unser Herz auf­ge­hen für IHN, der uns zusagt (Jere­mia 29,13–14): Wenn ihr mich sucht, wer­det ihr mich fin­den – so ihr mich sucht mit eurem gan­zen Her­zen. Und ich wer­de mich euch fin­den las­sen, ist des Ewi­gen Spruch.
Von Ihm gefun­den wer­den wir — und damit frei, unser Herz immer wie­der in sei­ne Gegen­wart zu ver­set­zen und unser Leben so zu gestal­ten, wie es Jesus sei­nen Jün­ge­rin­nen und Jün­gern jeder Zeit rät (Mat­thä­us 6,33): Es soll euch zuerst um Got­tes Gegen­wart und Got­tes Gerech­tig­keit (in der Welt) gehen, dann wird euch alles ande­re dazu­ge­ge­ben.

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