Wochenbrief 6

Manchmal schlägt das Leben gnadenlos zu

Wochenbrief 6

Manchmal schlägt das Leben gnadenlos zu

Auf­ste­hen hat sei­ne Zeit
von Sr. Chris­ta­ma­ria Schrö­ter

Da ist ein jun­ges Paar, seit Jah­ren mit­ein­an­der ver­bun­den. Die Stu­di­en sind abge­schlos­sen, die beruf­li­chen Aus­sich­ten mehr als gut. Jetzt wäre Fami­li­en­pla­nung dran… – statt­des­sen der Riss: Eine dia­gnos­ti­zier­te Erb­krank­heit bringt alles ins Wan­ken. Wenn einem oder zwei­en der gan­ze Ein­satz unter den Hän­den zer­rinnt – wie lebt man damit wei­ter?

Lie­be Schwes­tern und Brü­der im Glau­ben, mit Gott ver­bin­den wir Gutes: Schutz und Segen. Dar­um bit­ten wir. Dar­an hal­ten wir uns. Das weckt aber manch­mal auch Erwar­tun­gen, die das Leben nicht erfüllt. Die Bibel erzählt uns von über­ra­schen­der Got­tes­er­fah­rung: In einer Wei­se, in der wir es nicht erwar­ten.

In den früh­christ­li­chen Schrif­ten fin­det sich ein Gleich­nis-Text, der auf den his­to­ri­schen Jesus zurück­geht. Gefun­den wur­de er erst 1945 in Ägyp­ten in einer Samm­lung von Hand­schrif­ten, die älter sind als die neu­tes­ta­ment­li­chen. Er mutet wie ein Rät­sel­wort an.

Jesus sprach: Die Königs­herr­schaft Got­tes ist gleich einer Frau, die auf ihrem Kopf einen Krug vol­ler Mehl trug. Als sie so die Stras­se ent­lang zog, noch ein Stück Weges von zuhau­se ent­fernt, brach der Hen­kel des Kru­ges ab und das Mehl rie­sel­te hin­ter ihr her­aus auf den Weg. Sie jedoch bemerk­te nichts und wuss­te nichts von ihrem Miss­ge­schick. Als sie ihr Haus erreich­te, setz­te sie den Krug ab – und fand ihn leer. 

Eine Weg-Geschich­te mit über­ra­schen­dem Ende ist das. Und nicht nur über­ra­schend und befremd­lich erscheint die­ses «Logi­on» aus dem Tho­mas­evan­ge­li­um, son­dern gera­de­zu pro­vo­ka­tiv: Mit so etwas soll die ersehn­te Königs­herr­schaft Got­tes, der Him­mel auf Erden, zu ver­glei­chen sein? Ist das Reich Got­tes also eine umwer­fen­de Ent­täu­schung, etwas, das es bei nähe­rem Hin­se­hen gar nicht gibt, das uns wie Sand zwi­schen den Fin­gern zer­rinnt? Da war die­se Frau kilo­me­ter­weit gelau­fen – und alle Mühe war umsonst? Soll sie den gan­zen Weg noch­mals unter die Füs­se neh­men? Dazu der Ärger mit dem zer­bro­che­nen Krug! Ein unbe­schä­dig­ter muss erwor­ben wer­den, bevor sie neu­es Mehl ein­fül­len kann.

Drei Gedan­ken zu die­sem son­der­ba­ren Gleich­nis möch­te ich mit Ihnen tei­len. Zum einen: Das Reich Got­tes besteht tat­säch­lich aus Ent­täu­schung – und zwar aus «Ent-Täu­schung» im wah­ren Wort­sinn. Wor­in haben wir uns getäuscht? Dar­in, dass wir erwar­ten, Gott vor allem im gelun­ge­nen Leben zu fin­den. Dort scheint uns «Segen» zu sein. Jesu Gleich­nis meint: Gott wirkt über­ra­schend anders, als wir es uns gemein­hin zurecht­le­gen. In der Ent-Täu­schung unse­rer (Lebens-) Erwar­tun­gen zer­bre­chen und zer­rin­nen unse­re mensch­li­chen Got­tes­bil­der — und es tut sich ein Raum auf, in dem wir IHM selbst begeg­nen.

Das Zwei­te: Gott wirkt im Ver­bor­ge­nen, sei­ne Königs­herr­schaft setzt sich auch gegen den Anschein durch. Die Frau bemerkt merkt lan­ge nicht, was sich da mit ihr ereig­ne­te. Ver­mut­lich haben Sie in der Rück­schau auf Ihr eige­nes Leben Ähn­li­ches erfah­ren: Im Hier und Jetzt schien oft genug Got­tes­fer­ne zu herr­schen. Wir konn­ten nicht behaup­ten, den Him­mel auf Erden zu erle­ben. Erst im Nach­hin­ein erschloss sich das Erleb­te womög­lich als Ort oder Umstand, in dem Gott han­del­te. Gott wirkt im Ver­bor­ge­nen, im Unspek­ta­ku­lä­ren, sogar im soge­nann­ten «Frust» wie im Gleich­nis – und sogar an einem Schand­pfahl wie dem Kreuz auf Gol­go­tha. Den Zuschau­en­den zei­gen sich Ver­lust und Tod – und doch wirkt die­ser Gott – mit einem Geist, der weht, wo er will, und uns als Trös­ter umgibt.

Lie­be Freund*innen, das Reich Got­tes ist nicht wie eine Frau, die den Schlüs­sel für eine gefüll­te Vor­rats­kam­mer (an Glück) mit sich trägt. Son­dern wie eine Frau, die mit einem vol­len Krug aus­zog und am Ende mit lee­ren Hän­den dasteht. Damit sind wir beim drit­ten Gedan­ken: Gott ist mit uns in der Kraft, die er uns für jeden Tag gibt, nicht im Anle­gen von Depots. In den lee­ren Hän­den und durch die Wun­den hin­durch, die das Leben uns schlägt, ent­steht Raum für Sein Wir­ken.

Pau­lus sagt es so (2. Korin­ther 4,7ff): Wir haben die­sen Schatz (der hei­len­den Got­tes­kraft) in irde­nen (zer­brech­li­chen) Gefäs­sen, damit das Über­mass der Kraft von Gott sei und eben nicht aus uns selbst… Wir sind von allen Sei­ten bedrängt, aber wir ängs­ti­gen uns nicht. Uns ist ban­ge, aber wir ver­za­gen nicht… Alle­zeit tra­gen wir das Ster­ben Jesu an unse­rem Leib umher, damit auch das Leben Jesu an unse­rem Lei­be offen­bar wer­de.

In unse­re Lebens­zu­sam­men­hän­ge über­setzt heisst das: An den Gren­zen unse­rer Kraft, geht uns auf, dass Got­tes Kraft immer da war. In Angst und Bedräng­nis (also, wenn ich nichts mehr «machen» kann), ver­lie­re ich mich nicht. In Jesus Chris­tus hat Gott den Abgrund durch­schrit­ten – und hält mich auch dort, so dass ich dem Leben, so wie es (gewor­den) ist, stand­hal­te.

Ein sol­ches «Stand­hal­ten» beschö­nigt nichts, son­dern nimmt wahr, was jetzt da ist. Es blen­det die Ein­sam­keit nicht aus, es wischt die Angst nicht weg. Son­dern weist – trotz allem – auf Mög­lich­kei­ten von ver­än­der­tem Leben hin.  Wo vie­les zer­fällt und zer­rinnt, kann zugleich Raum ent­ste­hen für Neu­es. Dar­in fin­de ich die Kraft (wie die Frau im Gleich­nis) jeden Tag neu auf­zu­bre­chen, um mir mei­nen Lebens­krug von IHM fül­len zu las­sen. Und mir geht auf: Auch wenn Vie­les zu Ende ist, ist das nicht das Ende des Lebens, viel­mehr ein neu­er Anfang.

In die­sem Sinn fährt Pau­lus fort (2. Korin­ther 4,16ff): Wenn auch unser äus­se­rer Mensch ver­fällt, so wird doch der inne­re Tag für Tag erneu­ert. Inmit­ten unse­rer sicht­ba­ren Schwä­che und Bedräng­nis schafft uns Gott eine ewi­ge und über alle Mas­sen gewich­ti­ge Herr­lich­keit – uns, die wir nicht auf das Sicht­ba­re schau­en, son­dern auf das äus­ser­lich nicht Wahr­nehm­ba­re – auf das Ver­bor­ge­ne, das sich im Unsicht­ba­ren durch­setzt: die Gegen­wart Got­tes, der uns schon immer sucht und erwar­tet.

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