Lob der Langsamkeit

Lob der Langsamkeit

Der Coro­na-Virus bremst alles aus.
Alle reden von den Nach­tei­len und Pro­ble­men.
Könn­te man nicht auch ein „Lob der Lang­sam­keit“ anstim­men…?

Lie­be Weissensteiner*innen

John Fran­k­lin war schon zehn Jah­re alt und noch immer so lang­sam, dass er kei­nen Ball fan­gen konn­te… -

mit die­sem Satz beginnt der ein­drück­li­che Roman von Sten Nadol­ny über die Ent­de­ckung der Lang­sam­keit: Der Ver­fas­ser schreibt die Bio­gra­phie des eng­li­schen See­fah­rers John Fran­k­lin (1786–1847) so um, dass die­ser Lebens­lauf zu einer inter­es­san­ten Stu­die über die Zeit wird — und die Lang­sam­keit zu der Kunst, dem Rhyth­mus des Lebens Sinn zu ver­lei­hen.

Von Kind­heit an träumt John davon, zur See zu fah­ren, obwohl er dafür denk­bar unge­eig­net ist: Lang­sam im Spre­chen und Den­ken, lang­sam in sei­nen Bewe­gun­gen und Reak­tio­nen, misst er die Zeit nach eige­nen Mass­stä­ben. Zunächst erkennt nur sein Leh­rer, dass sich unter Johns „Behin­de­rung“ eine ein­zig­ar­ti­ge Bega­bung ver­birgt: Was er ein­mal erfasst hat, das behält er. Das Ein­zig­ar­ti­ge, das Detail begreift er bes­ser als ande­re.

Nach aus­sen hin bleibt das unsicht­bar: John wird zum Ein­zel­gän­ger — und zum Gespött der Leu­te. Dies ändert sich erst, als er zur See geht: Nun ent­wi­ckelt sich sei­ne Lang­sam­keit zur qua­si-mathe­ma­ti­schen Genau­ig­keit. Er erwirbt sich Anse­hen durch sei­ne prä­zi­sen Berech­nun­gen bei der Navi­ga­ti­on und sei­ne Fähig­keit, durch gründ­li­che Über­le­gung die Hand­lun­gen ande­rer vor­aus zu sehen. Ich bin ein Ent­de­cker, lässt Nadol­ny sei­nen Fran­k­lin sagen.

Der Ent­de­cker führt kei­ne Krie­ge, er erstarrt in ihnen und erlebt das mör­de­ri­sche See­kriegs­trei­ben als das größ­te Cha­os über­haupt. Die patrio­tisch begeis­ter­ten Eng­län­der, die da auf die Fran­zo­sen los­ge­hen wol­len — was ist mit ihnen? War­um schrei­en, brül­len und jubeln sie…?
Erst als die lan­ge Kriegs­zeit ihr Ende gefun­den hat, kann John sei­nen Traum von fried­li­cher Ent­de­ckung ver­wirk­li­chen: Er will die legen­dä­re Nord­west­pas­sa­ge fin­den.

Auf den fol­gen­den Ent­de­ckungs­rei­sen, die in die Ark­tis füh­ren, ent­steht das, was Nadol­ny das „Fran­klin­sche Sys­tem“ der Lang­sam­keit nennt: Ich bin mir selbst ein Freund. Ich neh­me ernst, was ich den­ke und emp­fin­de. Die Zeit, die ich dafür brau­che, ist nie ver­tan. Das­sel­be geste­he ich auch ande­ren zu.

Das „Fran­klin­sche Sys­tem“, die Selbst­be­stim­mung eines Men­schen, der weiss, was er kann, und neu­gie­rig ist auf das, was er noch nicht weiss, lässt das Leben derer, die es eilig haben, um so deut­li­cher wer­den. Nadol­ny hält den rasen­den Geschwin­dig-kei­ten, die zu Beginn des 19.Jahrhunderts ihren Anfang in der Gestalt von Bil­der­wäl­zern, Loko­mo­ti­ven, Rechen­ma­schi­nen und Tabel­len neh­men, die Lang­sam­keit eines Ent­de­ckers ent­ge­gen, der sich die Zeit nimmt, sel­ber, direkt und genau anzu­schau­en, wie etwas aus­sieht und wie (schnell) es sich bewegt.

Die Aben­teu­er­hand­lung des Romans ent­puppt sich als Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik, denn da erlebt einer die eige­ne Kul­tur aus der fein wahr­neh­men­den Distanz eines wahr­haft Schau­en­den. Immer wie­der muss John Fran­k­lin hin­aus in die Ark­tis, ins Lang­sa­me, um über­haupt sehen und begrei­fen zu kön­nen, was sich im Lan­de tut. Indem Nadol­ny dar­stellt, wie es Fran­k­lin ergan­gen ist, wird der Zustand unse­rer manisch fort-eilen­den Kul­tur wie in einem Gegen­bild deut­lich.

Nadol­nys Roman erschien im Jahr 1983. Sein Anlie­gen war es, der Lang­sam­keit eine weit gespann­te Dimen­si­on zu geben und die Chan­cen von „Ent-schleu­ni­gung“ dar­zu­stel­len. Aber welch rasan­te Ent­wick­lung in Indus­trie und Tech­nik schloss sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten an?
Wir leben in einer bis zum Äus­sers­ten be-schleu­nig­ten Zeit, in der das Wich­tigs­te zu sein scheint, mög­lichst Vie­les mög­lichst schnell zu errei­chen. Dabei blei­ben Rück-sich­ten und Re-spekt oft auf der Stre­cke. Gefragt sind Fort-schritt und Fort-kom­men!

Die Bil­der aus Lite­ra­tur und Kunst, die ein­la­den zum Ver­lang­sa­men und Ver­wei­len, die Geschich­ten der Bibel, die uns medi­tie­rend wie­der zu unse­rer eigent­li­chen Mit­te brin­gen wol­len, sie haben es bis­her nicht geschafft, den Gross­teil der Mensch­heit, der Poli­tik und der Wirt­schaft zu errei­chen. Coro­na dage­gen macht es mög­lich: die Schif­fe lie­gen in den Häfen, die Flug­zeu­ge blei­ben am Boden, die Autos in den Gara­gen und die Men­schen in ihren Woh­nun­gen.

Jetzt kommt es dar­auf an, in der Zeit der von aus­sen dik­tier­ten Ruhe zu ent-decken, was bis­her zu-gedeckt war unter der Schnell­le­big­keit unse­rer Kul­tur: Unse­re Gabe, genau hin­zu­hö­ren und fein wahr­zu­neh­men, wie wir den­ken und emp­fin­den. Und die Mög­lich­keit, uns mit uns selbst zu ver­söh­nen – ja, uns ver­söh­nen zu las­sen durch den „Allum­ar­men­den und All­um­strah­len­den“.
So der Titel der Iko­ne von Josua Boesch, der in einer Tage­buch­no­tiz fol­gen­des zum The­ma Ent-schleu­ni­gung schreibt:

Wür­de mich jemand fra­gen, was mich am tiefs­ten beru­higt, ich ant­wor­te­te ihm: Schön­heit und Stil­le. Bei­de gehö­ren für mich zusam­men, denn Schön­heit ver­brei­tet Stil­le…
Es ist beson­ders tröst­lich, dass Iko­nen so still da sind. Sie schrei­en ihre Bot­schaft nicht laut­stark in die Welt. Im Zeit­al­ter des Fern-sehens leh­ren sie uns nahe sehen. Von innen her. Sie öff­nen den inners­ten Hori­zont. Ihre Bot­schaft wirkt wie ein Fer­ment. Anste­ckend und ver­wan­delnd.

Möge uns das Bild des All-Umstrah­len­den berüh­ren, begeis­tern und ver­wan­deln. Mögen wir uns inmit­ten der auf­ge­reg­ten äus­se­ren Ereig­nis­se ver­wan­deln las­sen hin zu Schön­heit und Stil­le.

Josua Boesch – Der Allumarmende und Allumstrahlende
Josua Boesch – Der Allum­ar­men­de und All­um­strah­len­de
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