Wochenbrief 12

Die Mitte verorten wir dort,
wo …

Wochenbrief 12

Die Mitte verorten wir dort,
wo …

Dreifaltigkeits-Ikone (1425) - Andrej Rubljow
Drei­fal­tig­keits-Iko­ne (1425)
Andrej Rubljow

Von Gott gelieb­te Schwes­tern und Brü­der

Einen Brief von der Lie­be will ich Euch schrei­ben zum Abschluss die­ser Rei­he der Wochen­brie­fe und zum Höhe­punkt des kirch­li­chen Fest­jah­res: Zu die­sem Sonn­tag, der den Namen «Tri­ni­ta­tis» (Drei­ei­nig­keit) trägt. Anders als wir es wohl spon­tan sagen wür­den, sind weder Weih­nach­ten noch Ostern noch Pfings­ten die höchs­ten christ­li­chen Fest­ta­ge. Es ist viel­mehr die­ser ers­te Sonn­tag nach Pfings­ten, der die Rei­he der Kir­chen­fes­te abrun­det. Zugleich hält er uns Men­schen die Tür offen, damit wir selbst das Leben zum Raum der Lie­be gestal­ten. Sicht­bar wer­den soll, was unse­rem Sein und Tun Raum und Zeit schenkt: Gott und sein bedin­gungs­lo­ses Lie­ben. Wie kann das gelin­gen?

Der hohe Fei­er­tag will uns zum Stau­nen brin­gen. Wir hören auf­merk­sam, was im Johan­nes-Evan­ge­li­um ganz prä­zis aus­ge­spro­chen wird: Gott liebt die­se Welt — er hat sie schon geliebt, ehe er sie erschuf, und er liebt sie auch heu­te und mor­gen. Gott liebt die­se Welt und die in ihr leben — nicht weil sie so lie­bens­wür­dig sind, son­dern weil Gott sel­ber Lie­be ist (Johan­nes 3,16). Gott liebt die Men­schen nicht, weil sie so schön und gross­her­zig sind, haben sie doch Sei­ne Gegen­wart abge­lehnt und ver­su­chen sie immer wie­der, ohne Ihn zu leben (Johan­nes 1,10)

An die­sem Sonn­tag ver­ge­wis­sern wir uns, dass Gott bis heu­te nicht auf­ge­hört hat, uns aus Lie­be nahe zu sein: aus Lie­be erschafft Er die Welt, nicht nur ein­mal in frü­her Vor­zeit, son­dern immer und unab­läs­sig neu ruft er ins Leben. Aus Lie­be hat Er sein Volk aus Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung (in Ägyp­ten und der Ver­ban­nung in Babel) heim­ge­führt in die Frei­heit. Aus Lie­be hat Er sei­ne Anlei­tun­gen zu einem guten Leben gege­ben (die Zehn Gebo­te, die das Leben jedes und jeder Ein­zel­nen beschüt­zen). Aus Lie­be ist Er in sei­nem Sohn Mensch gewor­den und teil­te selbst die schreck­lichs­ten For­men mensch­li­cher Miss­ach­tung und Gewalt. Aus Lie­be ver­bin­det er uns durch Sei­nen Geist mit sich.

Wir hat­ten so vie­le Gele­gen­hei­ten zu begrei­fen: Lie­be ist ihrem Wesen nach Bezie­hung — eben­so wie Glau­be im Wesent­li­chen Bezie­hung ist. Got­tes Bezie­hung zu uns ist Sein Lie­ben, unse­re Bezie­hung zu Ihm ist unser Hören und Glau­ben. Sei­ne Lie­be und unser Glau­ben stif­ten einen Raum, in dem Furcht nicht auf­kommt. Und er gibt uns Sei­nen “Geist”, den Lebens­atem Got­tes, damit wir uns zu Ihm in Bezie­hung set­zen kön­nen: Damit wir in unse­rer Spra­che Gott anspre­chen und gewiss sein kön­nen, erhört und ver­stan­den zu sein.

Was für ein Wun­der des Lebens: Gott sel­ber ist Bezie­hung und macht uns bezie­hungs­fä­hi­ger, als wir es für uns allein je könn­ten. Wo Gott ist, ist Raum zum Leben, in dem nie­mand über­se­hen wird, nie­mand ver­ges­sen wird, nie­mand mäch­ti­ger sein muss als ande­re. Kein Wun­der nennt die Hebräi­sche Bibel, das Alte oder Ers­te Tes­ta­ment, Gott auch «maqom», das heisst «Ort der Gegen­wart des lie­ben­den Got­tes». Kein Zufall, nennt Hagar, die Magd Saras, die aus­ge­stos­sen in der Wüs­te von einem Boten Got­tes gesucht und gefun­den wird, ihren Gott «El-Ro’i»: «Gott sieht mich». Ihrem Sohn, dem wie sie Ver­stos­se­nen, gibt sie den Namen «Jisch­ma’el»: «Gott hört». Und die Quel­le, an der sie vom Got­tes­bo­ten ein­ge­holt wor­den ist, nennt sie «Brun­nen des Leben­di­gen, der mich sieht» (1.Mose 16, 7–15).

 Gott — so erfährt es Hagar, so haben es unzäh­li­ge Men­schen seit­her erfah­ren — «der Leben­di­ge» hört und sieht auch dann sehr genau, wenn wir nichts von ihm spü­ren und befürch­ten, Er sei uns abhan­den­ge­kom­men.

«Gott ist Bezie­hung», haben die Chris­ten der ers­ten Genera­tio­nen schon begrif­fen. Und des­halb haben sie nach Begrif­fen gesucht, mit denen wir ein­an­der immer wie­der dar­an erin­nern, dass Gott sel­ber nicht «ein-fäl­tig», son­dern «drei-fal­tig» ist: «Vater» (Schöp­fer des Lebens), «Sohn» (Ver­söh­ner) und «Geist» (Voll­ender). Das sind die Qua­li­tä­ten, die das Leben braucht, um sich ent­wi­ckeln und ent­fal­ten zu kön­nen.

«Gott in Bewe­gung» könn­ten wir das auch nen­nen. Gott in drei «Per­so­nen», sofern wir ver­ste­hen, dass wir erst Per­son sind, wenn durch uns hin­durch die Stim­me Got­tes so erklin­gen will, dass wir mit den uns Nahen und selbst mit den uns Fer­nen in Bezie­hung kom­men kön­nen. So wie Gott in sich leben­di­ge Bezie­hung ist und sich bewegt: uns ent­ge­gen­kommt und uns nach­geht — so kön­nen auch wir zuein­an­der und mit­ein­an­der in Bezie­hung kom­men und ein­an­der ken­nen und ver­ste­hen ler­nen.                                                      

Viel­leicht hilft uns eine Rät­sel­fra­ge, bes­ser begrei­fen, wie Gott zugleich Einer und Drei sein kann:

Da ist ein Vater (eine Mut­ter) und der Sohn (die Toch­ter), wer ist älter? Dum­me Fra­ge, den­ken wir wohl unbe­dacht, die Eltern sind doch immer älter als die Kin­der! Doch mit mehr Recht könn­ten wir auch sagen: Eltern sind nie­mals älter als ihre Kin­der, wer­den sie doch erst durch ihre Kin­der zu Eltern. Vor deren Geburt sind sie wohl Frau oder Mann, aber nicht Mut­ter oder Vater. Viel­leicht kann man sogar den­ken: Eigent­lich sind die Kin­der älter, denn im Moment ihrer Zeu­gung sind sie schon da, ehe die Frau um ihr Mut­ter­sein weiss bzw. der Mann um sein Vater­sein.

Erst durch ein Kind wird aus einem (Liebes-)Paar ein Eltern­paar, erst durch ein Gross­kind wer­den Gross­el­tern. Und wir alle wer­den in Bezie­hun­gen, in denen wir uns bejaht und geach­tet ent­wi­ckeln, zu den Men­schen, die wir je sein kön­nen.

Eben­so ist es mit Gott als dem Drei-Einen». Kei­ne der drei Per­so­nen Got­tes, weder der Vater, noch der Sohn, noch der Geist ist für sich, was sie in Ver­bin­dung mit­ein­an­der sind: Gott aus Lie­be zu uns Men­schen. Ohne die Bezie­hung, die der drei-eine Gott in sich lebt und uns schenkt, wären Men­schen viel­leicht auch da — im Zusam­men­hang des gewal­ti­gen Uni­ver­sums wären sie, wären wir aller­dings wenig mehr als Blü­ten­staub, der im Wind ver­weht.

Der Sonn­tag Tri­ni­ta­tis und die Bot­schaft von Gott als «Raum der Lie­be» machen uns zu vol­len Men­schen, denen Ehre und Respekt gebüh­ren: Unab­hän­gig von Stand und Anse­hen, Volks­zu­ge­hö­rig­keit, Spra­che und Geschlecht sind wir die Geschöp­fe, mit denen Gott lebt und liebt in Ewig­keit. Und so stim­men wir ein ins «Lob­lied der Drei­fal­tig­keit» RG 239:

Gelo­bet sei der Herr, / mein Gott, mein Licht, mein Leben,
mein Schöp­fer, der mir hat / mein Leib und Seel gege­ben,
mein Vater, der mich schützt / von Mut­ter­lei­be an,
der alle Augen­blick / viel Guts an mir getan.

Gelo­bet sei der Herr, / mein Gott, mein Trost, mein Leben,
des Vaters wer­ter Geist, / den mir der Sohn gege­ben,
der mir mein Herz erquickt, / der mir gibt neue Kraft,
der mir in aller Not / Rat, Trost und Hil­fe schafft.

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